Die folgenden ausführlichen Reiseberichte zu den einzelnen Tagen sind Beiträge verschiedener Chormitglieder.



Alles außer gewöhnlich - ein Artikel zum Weihnachtskonzert

Am vergangenen Sonntag, dem 16.12., fand das diesjährige Weihnachtskonzert des Robert-Bosch-Gymnasiums Gerlingen statt. An diesem Abend war vieles außergewöhnlich, nämlich alles außer gewöhnlich. Tag und Uhrzeit des Konzerts (sonntags, schon recht zeitig um 17 Uhr), der Ort (die katholische Sankt-Peter-und-Paul-Kirche statt der Petruskirche); die Zahl der Musizierenden; und vor allem ein besonders festlicher Anlass: die 25-jährige Städtepartnerschaft zwischen Gerlingen und Tata in Ungarn.
Außergewöhnlich war des Weiteren, dass erstmalig nicht verschiedene Gruppen nebeneinander auftraten. Unter der Gesamtleitung von Axel Jüdt, Musiklehrer am Robert-Bosch-Gymnasium, wurden vier Ensembles zusammengeführt: der Esterhazy-Kammerchor aus Tata in Ungarn (Einstudierung: Monika Schmidt), das Kammerorchester Gerlingen (Einstudierung: Matthias Nassauer), das Jugendorchester Gerlingen (Einstudierung: Tatjana Vilz-Beck) und der Kammerchor Cantabile Gerlingen unter der Leitung von Axel Jüdt. Hinzu kamen fünf Gesangssolisten, Harfe und Orgel. Axel Jüdt als Dirigent setzte alle diese Einzelbausteine zusammen zu einem Klangkörper, der das Publikum von der ersten Minute an mitnahm und bezauberte.
Außergewöhnlich war schließlich das Programm: neben dem Kyrie und Gloria aus der der zeitgenössischen Missa in Tempore Incerto (2008) von Christoph Schönherr (Professor für Musikdidaktik in Hamburg)und Instrumentalstücken des Bläserensembles des Orchesters des Robert-Bosch-Gymnasiums wurde mit dem „ Oratorio de Noël“ (Weihnachtsoratorium) von Camille Saint-Saëns, einem französischen Komponisten der Romantik, erstmalig ein Gesamtwerk für Chor, Orchester und Solisten aufgeführt.

Herr Arzt begrüßte zunächst in der bis auf den letzten Platz besetzten Kirche im Namen der katholischen Kirchengemeinde zu einer „ökumenischen Zusammenkunft“ und spielte damit auf die ungarischen Gäste aus Tata in Gerlingen an, aber sicher auch auf den besonderen Charakter des Konzerts.

Schon die ersten Klänge aus der Missa in Tempore Incerto von Christoph Schönherr mit dem von Tenor Andreas Gerteis eingeleiteten Kyrie deuteten den Charakter dieser Komposition an: der lateinische Messetext wurde, von Jazz und Blueselementen inspiriert, mit lebhafter Rhythmik vertont. Mit vollem Klang stimmte der Chor ein: Kyrie eleison; Gloria in excelsis deo. Das Wechselspiel von Solist und Chor, von Harfenklängen (Emilie Jaulmes) und Orgel (Andreas Gräsle), durchsetzt mit Klavierakzenten (Eric Koziel, Kl. 9 des Gymnasiums) begeisterte die Zuhörer.

Das Bläserensemble des Jugendorchesters Gerlingen antwortete auf diese Auszüge aus der „Messe in unsicherer Zeit“ von der gegenüberliegenden Orgelempore aus. Und es antwortete mit zuversichtlichen Melodien: unter der Leitung von Tatjana Vilz-Beck, Musiklehrerin am Gymnasium, wurde das Allegro von Henry Purcell und der Marsch in C-Dur (KV 408) von W. A. Mozart (in der Bearbeitung von W. Jiranek) gespielt. Die Klänge „schwebten“ gewissermaßen im Raum über den Köpfen des lauschenden Publikums.

Das wunderbar gefühlvolle, in seiner klaren musikalischen Sprache anrührende Weihnachtsoratorium von Camille Saint-Saëns, komponiert 1858, bildete den Höhepunkt des Konzerts. Nach dem Prélude des Orchesters setzten die Solisten ein, Chor und Orgel sowie die perlenden Klänge der Harfe fügten sich zu einem Ganzen, das die Zuhörer in seinen Bann zog. Atemberaubend waren die Passagen, in denen die Stimmen der Solisten ineinander geflochten waren. Ulrike Baur als Sopran, Jennifer Kosta (diesjährige Abiturientin) als Mezzosopran, Babette Dieterich, Alt, Andreas Gerteis, Tenor und Jörg Weber, Bariton und Lehrer am Robert-Bosch-Gymnasium sangen die Passagen mit Wärme und Brillanz. Die beiden Chöre klangen wie aus einem Guss, beeindruckend war das donnernde „Quare“ und der Schlusschor „Tollite hostias“: „Der Himmel freue sich und die Erde sei fröhlich vor dem Herrn, der da kommt.“
Oft wird der Musik nachgesagt, dass sie in einer ganz eigenen Sprache spricht. Sie vermag Ruhe und innere Einkehr zu schenken und führt die Menschen aus ihrem umtriebigen Alltag heraus und in eine andere Welt. Dies alles war in diesen Momenten fast schon greifbar zu spüren. So bildete das Konzert auch eine wunderbare innere Einstimmung auf die kommenden Festtage und die frohe Botschaft des Weihnachtsfestes.

Zum Abschluss würdigte die Schulleiterin des Robert-Bosch-Gymnasiums, Brigitte Renner-Dux, die Beteiligten und Verantwortlichen des Abends unter anhaltendem Beifall des Publikums. In ihrer kurzen Ansprache zitierte die Rektorin aus dem Gedicht „Lass dich fallen“ von Joseph Beuys und ergänzte die Empfehlungen des Künstlers: „… und lass dich verzaubern von Musik.“ Es kann kein Zweifel sein – sich von dieser außer-gewöhnlichen Musik verzaubern zu lassen fiel an diesem Abend niemandem schwer.

Ein herzliches Dankeschön gilt der Kirchgemeinde Sankt-Peter-und-Paul für das Überlassen ihrer schönen Kirche, sowie natürlich den Gästen aus Ungarn, die eine je zehnstündige Busreise am Freitag nach Gerlingen sowie am Montag zurück nach Tata auf sich genommen haben - ein beeindruckendes Zeichen der Lebendigkeit dieser Städtepartnerschaft.

David Schaebs





Probenphase und Konzert im Appenzeller Land vom 27.4. - 1.5.2012
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Frühstückprobenkaffeeprobenessenprobenkaffee probenessenprobenweinbett - ein ganz normaler Tag im "Chräzerli"-Chorprojekt
Acht Uhr: "Habt Ihr kein Brot?" "Nein, wir haben keine Wurst. Kein Brot gibt's drüben am anderen Tisch!" Unsere rührigen Wirtsleute haben das frühere Knabenpensionat "Chräzerli" am Fuße des majestätisch aufragenden Säntis-Gebirgsstocks vor wenigen Wochen übernommen; noch sind sie dabei, sich in die neue Umgebung ein-, und so manche Requisiten von Küche, Ausstattung und Technik des Hauses aufzufinden. Da will dann manches trotz sicherlich meist guten Willens noch nicht so recht klappen, und die Gerlinger Sängerschar wartet oft zwar durchaus diszipliniert, aber mit deutlich vom Hunger gezeichnetem Blick auf die solide Grundlage für das musikalische Tagewerk. Hausgebackenes Brot, Appenzeller Käse und ein würziger Kaffee besänftigen aber bald manchen knurrenden Magen und den einen oder anderen Kommentar gleicher Tonlage. Bei einem anschließenden Blick ins - zumeist vom Föhn und sonnigen Abschnitten gekennzeichnete - Wetter und auf das atemberaubende Bergpanorama hören wir aus dem ersten Stock bereits heiße Rhythmen vom Klavier im Probenraum im ersten Stock: Florian Reuss oder auch Christian Turck absolvieren ihr morgendliches Finger-Jogging. Um neun haben sich dann wir 31 Sängerinnen und Sänger, deren maximaler Altersunterschied das eineinhalbfache ihrer Kopfzahl umspannt, um unseren Chorleiter Axel Jüdt zusammengefunden, und mit ortsangepassten Einsingübungen (Grüezi! Chräzerli!! Ricola!!! Rucola!!!!) beginnt das reichhaltige Probenprogramm des Tages. Axel Jüdt erweist sich wieder einmal als ein Mann der treffenden Worte: Kein Chorleiter kommt ohne gelegentliche Kritik an seinen Schützlingen aus, aber noch nie habe ich dabei so viel Fantasie und Formulierungskunst am Werke gesehen: Ein etwas misslungenes Stück kann er zum Beispiel mit den eher tastend vorgebrachten Worten kommentieren "Nun ja, gestern haben wir es auch noch nicht gekonnt". Gerne setzt er zur einprägsamen Veranschaulichung kritischer Passagen alte Werbe-Jingles ein, etwa für eine Sext-Quart-Kombination das gute alte "Sa-no-stol!" - So etwas bleibt hängen! Unerreicht bleibt allerdings seine Charakterisierung einer Stimmlage, die in einem Stück "schleppte", also im Tempo nicht mehr mitkam: Mit einem strahlenden Lächeln erklärt er die betroffenen Sangesfreunde zu "Duracell-Hasen", was bei allen, die sich noch an die 70er-Jahre-Werbung dieses Batterieherstellers mit der Kurzlebigkeit der Konkurrenzprodukte erinnerte, ein - stimmbildnerisch sicher wertvolles - Prusten auslöst. Halb elf: zehn Minuten Pause es reicht für einen mit vier Franken fünfzig teuer erkauften Cappucino draußen in der Sonne. Bei unserer Ankunft lagen auf den ans Herbergsgrundstück grenzenden Matten noch gute fünfzig Zentimeter Schnee. Immerhin liegt unser Quartier auf ca. 1200 Metern Höhe. Der Föhn jedoch, der in der zweiten Nacht unseres Aufenthalts lauwarme Böen mit (laut DRS1) Spitzengeschwindigkeiten von 150-200 km/h übers Land blies, hat sowohl kurzzeitig Teilen des Appenzeller Stromnetzes (auch wir waren betroffen) als auch längerfristig großen Mengen des Schnees den Garaus bereitet. So tappen wir durch Tauwasserpfützen, während wir uns für ein paar Minuten ein sonniges Plätzchen für unsere Kaffeepause suchen. "Macht noch mal ab Takt 34…" - allzu bald schon haben uns Dvorak, Mendelssohn-Bartholdy und Gjeilo wieder in ihren Bann geschlagen, und die Probenarbeit nimmt ihren Fortgang. Unser Probenraum bietet einen Panoramablick auf Berge, Wälder und die gerade auch an diesem verlängerten Wochenende vielbefahrene Schwägalp-Passstraße; Autos, Busse und ganze Motorradkavalkaden (die sehnsuchtsvolle Seufzer aus der Mitte des Soprans hervorrufen) ziehen vorüber und lenken den Blick von den Kadenzen und Fermaten ins Freie. Oft zwingt auch die von dreißig Lungen rasch verbrauchte Luft dazu, die Fenster aufzureißen und Frühlingsluft hereinzulassen. Als Dreingabe erhalten wir das Rauschen des schmelzwasserschweren Bergbachs (unwirsches Kopfkratzen aus der Gegend des Dirigentenpults) sowie ein paar temperamentvolle Föhn-Böen (herzhaftes "Scheiße" aus der Richtung des Pianos, dessen Notenständer sich plötzlich Richtung Fußboden geleert hat). Zwölf Uhr: Essensduft zieht durch das Haus, und die Zeit beginnt, in welcher der zweite Bass seine besten Ergebnisse beim Singen tiefer Noten erzielt - Herrn Jüdt haben wir bislang verschwiegen, dass hier der Magen einen wichtigen Part übernahm. Manche nehmen noch einige tiefe Schlucke aus den bereitstehenden Wasserflaschen, schließlich kosten zwei Liter unseres "Probenwassers" einen Franken, während man unten im Speiseraum für einen Liter deren elfe bezahlen muss…. Um halb eins bildet sich dann eine erwartungsvolle Schlange vor dem langsam sich füllenden Büffettisch: Zwar führt unser Wirt Herr Waser, ein ausgebildeter Koch, der allerdings die letzten Jahre im Vertrieb eines schweizerischen Lebensmittel-Großkonzerns gearbeitet hatte, eine gute bodenständige und stets frische Küche, doch klemmt's mit der Logistik noch etwas, so dass Menge und Temperatur der Speisen ebenso wie das Servier-Timing durchaus noch Potenzial aufweisen. Insbesondere unsere im Abitur stehenden Männerstimmen jedenfalls hätten getrost noch etwas mehr vertragen können. Echt eng wird's am Sonntagmittag, als nach morgendlichem föhnbedingten Stromausfall nicht nur wir und die zeitgleich hier logierende Konfi-Gruppe den Speisesaal bevölkern, sondern auch noch eine dreißigköpfige Geburtstagsgesellschaft: Manche von uns füllen das Zeitloch kurzerhand mit Spontanproben für die diversen Auftritte am für abends geplanten All-Star Event. - 13:30: Ein weiteres Käffchen in der Sonne, ein paar Seiten lesen, und hinein geht's in einen dem Vormittag ähnlichen Probennachmittag. In Einzelproben wurden heute morgen Stücke einstudiert, die dann heute nachmittag in einen kompletten Chorsatz zusammengeführt werden, und morgen geht's damit zur Aufführung. Das Tempo ist atemberaubend, aber manchen der weniger routinierten Sänger hilft diese intensive und lange Gesangspraxis auch, ihre Stimme mal richtig zu trainieren. Ein bedächtiges Nicken vom Dirigentenpult nach einer Tutti-Probe stärkt zudem das Selbstbewusstsein enorm. Ein teils warmes Abendessen rundet den Tag ab. "Bleib bei uns, denn es will Abend werden", so sangen wir vor knapp einem Jahr in Südafrika. Auch jetzt behält dieser Satz seine Gültigkeit, denn angesichts der doch recht vereinzelten Lage unseres "Chräzerli" in der schweizerischen Bilderbuchbergwelt bleibt uns abends wenig anderes übrig, als "bei uns zu bleiben". Die älteren Semester wählen mit Bedacht aus dem für einen Berggasthof recht reichhaltigen Weinangebot, die Jugend hält sich an Nichtalkoholisches oder Bier, teuer ist es allemal, und in angeregtem Plausch - soweit es geht, draußen auf dem Hof im warmen Föhn - vergeht der Abend.
Und die Quintessenz des Ganzen? Man könnte es vielleicht so ausdrücken: Wahrscheinlich ist Eja Mater der Grund, dass der große Liebesgott im Garten des Serail, wo Güte, Licht und Gold vorherrschten, auf kleine Leute schoss, während sich am nahegelegenen Loch Lomond Joshua fit machte für die Battle of Jericho. Schließlich hatte er seinen Engeln befohlen, dass, wer bis an das Ende beharrt, in einem kühlen Grunde einem Festchor lauschen darf…. Dies fasst die Titel der 13 Lieder zusammen, die wir uns an diesem verlängerten Wochenende erarbeiteten, und von denen wir insgesamt 12 bei zwei Gelegenheiten (einer Gottesdienstbegleitung in der Kirche Schwägalp und einem Werkstattkonzert in der Kirche Urnäsch) zur Aufführung brachten. Was bleibt, ist neben einem stattlich gewachsenen Repertoire unseres Chores die Erinnerung an ein wieder mal sehr harmonisches Zusammensein in unserer musikalischen Cantabile-Familie, oder, mit Silchers treffenden Worten, "die Freundschaft im Gesang"! Und ein großer Dank an Axel Jüdt - dessen Idealismus, Musikalität, Gleichmut und Beharrlichkeit der Motor unseres "Canta-Mobiles" ist und bleibt -, an Christian Turck - der als Pianist und Korrepetent für nichts als Luft und Liebe sich stets auf neu ins Abenteuer mit uns stürzt - sowie an alle Cantabilisten, insbesondere auch die Schüler, die teilweise trotz Abi-Stress mit hohem Engagement (man darf ruhig von Musikbesessenheit sprechen) ihre Zeit und ihre Stimme in den Dienst der zweit- oder drittschönsten Sache der Welt - je nachdem ob man Fußball mag oder nicht - stellen: den Chorgesang!

Andreas Käde



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